CEMVA

Centro Educativo Multifuncional Villa Armonía
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Centro Psicopedagógico / Sucre / Bolivia

Bericht von Sebastian Engel

Ich habe in Sucre im Centro Psicopedagógico gearbeitet, Boliviens grösster Einrichtung für geistig und körperlich Behinderte mit einer kleinen Abteilung für ehemals drogenabhängige Kinder (weder geistig noch körperlich behindert). Das Psicopedagogico ist eine riesen Anlage, mit kleinem Schwimmbad, Sporthalle, Spielplatz und vielen Wohnhäusern für die Bewohner. Wie gesagt ist der Grossteil geistig oder körperlich behindert. Das Zusammenleben der verschiedenen Menschen funktioniert meiner Ansicht nach prima und ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich einen ganz anderen, sehr postivien, Bezug zu Menschen mit Behinderungen bekommen habe. (Besonders nachdem ich bei der Einweihung eines neuen Gebäudes durch die First-Lady von Bolivien dank eines kleinen Jungens, der sich immer ruckartig nach hinten warf, besagter Dame vor die Füsse fiel ;)) Das Centro Psicopedagogico wird von einem Spanischen Orden von Mönchen unterhalten, dem Orden „San Juan de Dios“, der wohl auf der ganzen Welt viele verschiedene Projekte unterhält.

Innerhalb des Centro Psicopedagogico habe ich also in der Comunidad Therapeutica gearbeitet, in der Jungs von der Strasse im Alter von sagen wir mal 4 bis 14 Jahren wohnen (vergleichbar mit einem Internat). Die meisten dieser Jungs haben Familie, diese hat aber keine Zeit oder Lust, sich um ihre Kinder zu kümmern und überlässt diese daher dem Leben auf der Strasse. Das aussergewöhnliche an eben diesem Projekt (der comunidad) ist, dass es sich eigentlich mit ehemals drogenabhängigen Kindern befasst. Ich bin damals in Sucre nicht ganz dahintergekommen, wieviele von diesen Jungs früher drogenABHÄNGIG waren, aber es scheint der Grossteil gewesen sein. Unter Drogen habe ich mir Anfangs immer harte Drogen vorgestellt, bis ich dahintergekommen bin, dass es sich hauptsächlich um Kleber handelt. Die Kinder waren also früher mal Kleberschnüffler. Das hat den Grund, dass man durch die Benommenheit wohl keinen Hunger spürt…. Ich bin also in die Comunidad gekommen und wurde gleich mit offenen Armen empfangen. Die Jungs sind wahnsinnig aufgeschlossen Fremden gegenüber und eroberten mein Herz quasi im Flug. Da ich nachmittags oben in Villa Armonia gearbeitet habe, war ich nur vormittags in der Comunidad und ein typischer Tag sah so aus:

9.00 Antritt und dann „Tareas“ (Hausaufgaben) 11:00 Nach draussen in die Sonne und spielen bzw. zweites Frühstück einnehmen (Banane oder sowas) 12:00 Die Jungs essen zu mittag und ich bin gegangen

Also, wie gesagt haben wir den Tag mit den Tareas begonnen. Dafür wurden die Kinder in Kleingruppen von jeweils drei oder vier Kindern mit jeweils einem Erzieher aufgeteilt. Mit den Kindern, die nebenher (am Abend bzw. Nachmittag) in die Schule gegangen sind, haben wir dann Hausaufgaben gemacht und ihnen selber Aufgaben gestellt. (Diktate, Rechenaufgaben….). Die Jungs, die sehr lange auf der Strasse gelebt hatten, und nie zur Schule gegangen waren, mussten erstmal auf das normale Schulniveau gebracht werden. So arbeitete ich zum Beispiel damals mit Igancio (14) zusammen und brachte ihm Lesen und Schreiben bei. Die Comunidad war relativ gut ausgestattet, und so hatten wir viele Möglichkeiten, den Jungs auch spielerisch z.B. rechnen beizubringen.

Die Anzahl der Erzieher hat eigentlich das ganze Jahr über variiert, ebenso wie die Zahl der Freiwilligen. Üblicherweise waren wir aber genug, um in Gruppen mit einer angenehmen Grösse zu arbeiten. Das Centro Psicopedagogico hat traditionell sehr viel Freiwillige beschäftigt, die wechselten aber sehr oft, da manche nur 3 Monate blieben. Diese Freiwilligen kamen aus aller Herren Länder, Spanien, Kanada, Deutschland, Holland, Schweiz, Amerika…… Falls ihr Probleme mit Unterbringung habt, fragt doch mal im Centro Psicopedagogico an, ob es möglich ist, in einem der Freiwilligenhäuser zu wohnen. Die liegen allerdings auf dem Gelände des Centro Psicopedagogicos (riesige Anlage!!!), und man ist vielleicht etwas eingeschränkt. Aber wenn man den engen Kontakt zu anderen Freiwilligen sucht, dann ist das eine gute Lösung.

Noch ein paar Worte zum Personal in der Comunidad: In der Comunidad gab es natürlich ausser den europäischen Freiwlligen auch bolivianische Erzieher,von denen man eigentich durch die Bank behaupten kann, dass sie immer extrem freundlich und hilfsbereit waren. Durch meine Arbeit dort habe ich z.B. meinen engsten Freund in Bolivien kennengelernt, der neben der Uni im Psicopedagogico geholfen hat. Auch meine Chefin Sylvia (Sempertegui) war klasse. Nach all den Erziehungsmethoden und den Erziehern die ich in Bolivien kennen gelernt habe, war sie mit Abstand die kompetenteste und fairste. Sie hat ihre Arbeit sehr gut erledigt, war an den richtigen Stellen streng und trotz allem immer herzlich. Auch im Umgang mit den Freiwilligen war sie stets um eine gute Atmosphäre bemüht und lud uns zweimal zu sich nach Hause ein.

Wenn ihr mal mit den Jungs arbeitet, seid ihr natürlch nicht die ganze Zeit am unterrichten. Während meiner Zeit gab es eine Menge ausserschulischer Aktivitäten, bei denen sicher einemal in der Woche ein Nachmittag draufgegangen ist. Darzu gehörten z.B: Volleyball Spiele, irgendwelche Gottesdienste des Ordens, Ausflüge z.B.zum Fluss, Reinigung des gesamten Geländes von Müll usw. Hört sich vielleicht nicht so prickelnd an, hat mit den Jungs aber eine Menge Spass gemacht, und man wächst sehr schnell zusammen. Eine tolle Erfahrung war auch, als ich mit den Jungs und dem ganzen Centro Psicopedagogico drei Tage ins Zeltlager gefahren bin!

Alles in allem habt ihr glaube ich den coolsten und besten Job von allen, wenn ihr in der Comunidad arbeitet. Trotz des „Angestelltenverhältnisses“ habt ihr die Möglichkeit, etwas zu verändern (Unterrichtspläne, Thementage, Spiele, Projekte, Kochen…..). Ich wurde als aktiver Teil der Erzieher erachtet und nahm auch jede Woche einmal an der Betreuerversammlung teil, bei der die Probleme der einzelnen Kinder und die Vorgehensweise diskutiert wurde. Gerade in diesen Sitzungen bot sich die Chance, konstruktiv mitzuarbeiten, und nicht nur „Befehle auszuführen“. Auch die Freiwilligen wurden im Centro Psicopedagogico sehr gut behandelt, so wurden z.B. uns zu Ehren feste veranstaltet und der „Tag des Freiwilligen“ gefeiert. Auch stellte man uns immer die Räume der Freiwilligenhäuser für Feste zur Verfügung, und so kam es dass ich eigentlich auch ne MENGE gefeiert habe während meiner Zeit in Sucre.

Das ist jetzt alles etwas wirr und unstrukturiert aufgeschrieben, falls ihr noch irgendwelche Fragen habt, wendet Euch doch an mich! SebastianEngel@gmx.de

Ansprechpartnerin im Psicopedagogico ist Charito (weiblich) mit der e-mail adresse psico@entelnet.bo , leider aber nur auf Spanisch. Am besten in die Betreffzeile „Charito“ schreiben.

Also, disfruta,

Sebastian