CEMVA

Centro Educativo Multifuncional Villa Armonía
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Stefan Kringel

Es ist unglaublich aber wahr, ich bin jetzt wirklich schon 14 Monate in diesem Land, in dieser Stadt und in diesem Projekt. Meine Nachfolger sind schon seit drei bzw. zwei Monaten hier und ich hatte heute meinen letzten Arbeitstag. Am Sonntag soll es nun mit allem Sack und Pack Richtung La Paz gehen. Mein Busticket habe ich schon und doch oder gerade deshalb ist es ein komisches Gefühl… Mir fällt es schwer dies wirklich zu glauben. Alle Freunde die ich auf der Straße treffe, alle Bekannten die mir in Villa Armonía über den Weg laufen fragen mich nach meinem Abreisetermin, wollen sich verabschieden. Ich scheue den Abschied, gehe ihm aus dem Weg, verschiebe ihn, sage “wir sehen uns noch” oder “Ich komme doch sicher nochmal wieder”. Auch habe ich noch keine Sachen gepackt, lasse alles auf mich zu kommen, zögere es bis zum letzten Termin hinaus. Gut, man könnte jetzt sagen “Der Junge fühlt sich wohl, dort wo er ist.” oder “Klar, er mag halt nicht loslassen.”, aber ganz so einfach ist es auch nicht. Ich freue mich schon auf meine Abschlußreise durch Bolivien mit meinem Bruder und ich freue mich auch schon auf Weihnachten in Deutschland, auf Rostock, meine Familie und meine Freunde. Doch es ist ein gemischtes Gefühl. Wie wird sich wohl alles verändert haben? Inwieweit habe ich mich verändert? Wie werde ich wieder aufgenommen? Wie werde ich mit der deutschen Lebensweise zurecht kommen? Werde ich Bolivien und die spanische Sprache schnell wieder vergessen? Was kann ich dagegen tun? Was antworte ich auf die Frage “Wie war’s in Bolivien?” Kann man überhaupt eine klare Antwort darauf geben, nach über 450 Tagen im Ausland? Es gibt so viele Fragen die mich momentan beschäftigen. Abschiednehmen heißt sich bewußt zu machen, Leute oder Dinge für eine bestimmte Zeit oder sogar für Ewig nicht wiederzusehen. Es geht darum letzte Eindrücke zu sammeln, sie abzuspeichern, Erinnerungen aufzufrischen, Andenken mitzunehmen. Diese Phase durchlebe ich momentan ganz intensiv. Ich fahre, vielleicht zum letzten Mal, mit dem klapprigen “micro Q” (Bus) die 30 minütige Fahrt vom Zentrum Sucres in unser Projekt, vorbei an der wunderschönen mit Palmen verzierten Plaza, dem pulsierenden Herz der Stadt, weiter durch die Hauptgeschäftsstraße mit ihren tausend “tiendas” und regem geschäftlichen Treiben, vorbei am “Estadio de la Patria”, in dessen Rängen ich dem bolivianischem Fußball fröhnte oder zu Musikgruppen wie “Maná” getanzt habe. Kurze Zeit später befinde ich mich auf dem “mercado campesino”, dem größten Markt Sucres, auch hier herrscht täglich reges Treiben unter freiem Himmel, “cómprame! - véndame?” Überall sieht man “cholas” in ihren bunten Röcken an ihren Ständen auf der Straße hocken, andere mit vollen schwarzen Plastiktaschen von Stand zu Stand ziehen. Es werden alle erdenklichen Früchte oder Gewürze oder Limonen oder einfach nur Sekundenkleber verkauft. Preise werden ausgehandelt, Geld gezählt, Quechua geschwatzt oder einfach nur dagesessen und ein Nickerchen gehalten. Das alles vor einer Kulisse von lauter Musik und um die Wette hupender Autos, weil es in den engen Straßen weder vor noch zurück geht, und Polizisten die vergebens versuchen mit den schrillen Tönen ihrer Trillerpfeifen Herr der Lage zu werden… Nach einem kurzen Stop fährt der Bus wieder an, “pasen al fondo!” und “dejen sentar a las señoras!” hört man den Fahrer sagen. Man soll durchrücken und den Frauen die Sitzplätze überlassen. Wir fahren durch einige Randviertel, “parada” oder “esquina” rufen die Passagiere dem Fahrer zu. Sie wollen aussteigen. Mittlerweile haben wir die asphaltierten Straßen schon hinter uns gelassen und schaukeln über Schotterstraßen weiter. Der Bus wird immer leerer und das Stadtbild um uns herum immer trostloser. Es wird nicht mehr von weißen Kolonialbauten beherrscht sondern nur noch von Lehmhütten mit Wellblechdach. Wir passieren eine arme Schule, Schweine die in Müllresten Futter suchen, jede Menge Hunde, eine Schaafherde, spielende Kinder die sich im Staub eine Murmelbahn gebaut haben und Coca-kauende Arbeiter die Lehmziegel in Form bringen und trocknen lassen. Wir halten noch einige Male, die letzten Leute steigen aus, doch wir befinden uns auch schon kurz vor dem Ziel. Auf einem etwas größeren Platz dreht der Bus, hält an und macht den Motor aus, sofort wird er von kleinen Kindern gestürmt. Sie wollen für ein paar Centavos saubermachen - wir sind da - Endhaltestelle Villa Armonía, mein zu Hause des letzten Jahres. Und das waren nur 30 Minuten von 450 Tagen die ich vermissen werde. Ich kann nicht von mir behaupten auf einem Niveau mit den Ärmsten der Ärmsten gelebt zu haben oder hunderten von Menschen einen höheren Lebensstandart gebracht zu haben, doch ich habe neue Freunde gewonnen, eine neue Sprache erlernt, Erfahrungen gesammelt, Einblicke bekommen, mir eine eigene Meinung über die Entwicklungshilfe gebildet, ich habe in Ansätzen begonnen die bolivianische Kultur zu verstehen und habe gelernt, ihren Alltag zu einem gewissen Teil auch als meinen Alltag zu akzeptieren. Mein Aufenthalt hier in Bolivien war die größte, tiefste und wichtigste Erfahrung die ich in meinem bisherigen Leben gemacht habe. Dafür möchte ich vor allem Euch danken, die Ihr mir diesen Aufenthalt sowohl finanziell als auch durch Eure mentale Unterstützung ermöglicht habt. Ich habe meinen Schritt hierher nie bereut und habe die Monate sehr genossen, doch nun wird es Zeit Abschied zu nehmen und einen neuen Lebensabschnitt zu planen - mein Studium. Noch einmal vielen Dank und ganz liebe Grüße aus Sucre, Bolivien.

Sucre, November 1999