CEMVA

Centro Educativo Multifuncional Villa Armonía
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Kolja Jan Robra

Hinter mir liegt mein letzter Arbeitstag im Mittagstisch im Projekt CEMVA und auch mehr als ein Jahr Arbeit als Zivildienstleistender in Bolivien. Mit diesem Bericht versuche ich auf eine erlebnisreiche Zeit zurueckzublicken und einer interessanten Erfahrung einen runden Abschlus zu geben. Ausserdem moechte ich diesen Bericht nutzen um mich bei meinen Eltern zu bedanken, die mich waehrend meines Aufenthaltes finanziell und seelisch unterstuetzt haben. Weiterer Dank gilt meinen Freunden in Deutschland, die mir die Zeit ueber zur Seite standen. Und nicht zuletzt moechte ich meinen Dank denjenigen freiwilligen Helfern in Bolivien aussprechen, die im Laufe der Zeit fuer mich zu wertvollen Freunden geworden sind.

[Meine Zeit im SOS Kinderdorf in Tarija]

Meine Zeit im Projekt CEMVA in Sucre

CEMVA bedeutete “Centro Educativo Multifuncional Villa Armonia”. Dieses Projekt unterschied sich gravierend von den Strukturen des SOS Kinderdorfs in Tarija. Waehrend in Tarija die Kinder in erster Linie in ihrer Freizeit betreut wurden, und die Schulausbildung in der Stadt, also ausserhalb des Projekts, genossen wurde, hatte sich das Projekt Cemva zur Aufgabe gemacht die Schul- und Handwerksausbildung der Stadtrandbevoelkerung zu foerdern. Ausserdem ist die Direktorin eine Deutsche. Das macht den Einstieg in das Projekt fuer Zivildienstleistende ziemlich einfach.

Fuer mich gestaltete sich der Anfang im Projekt relativ angenehm. da es schon zwei Zivis gab, die dort arbeiteten. Ich konnte also in das Projektleben ohne Probleme eingefuehrt werden . Auch die Hauptaufgabe der Freiwilligen , ein Schuelermittagstisch mit Hausaufgabenbetreuung, entsprach genau meinen Arbeitsvorstellungen. In diesem Schuelermittagstisch, der den spanischen Ausdruck “comedor”traegt, werden 40 beduerftige Schuelr mit einer warmen Mahlzeit versorgt und bei ihren Hausaufgaben betreut. Die Kinder haben zusaetzlich die Moeglichkeit sich in den Raeumlichkeiten mit bereitgestellten Puzzeln oder anderen Spielen zu vergnuegen. Der Monatsbeitrag der kinder betraf umgerechnet ca. 3, 30 DM. Gedeckt wurden die Ausgaben aber groesstenteils von einem Spenderkreis aus Deutschland. Waehrend ihres Aufenthaltes im Comedor versuchten wir den Kindern zusaetzlich bestimmte Verhaltensregeln nahezulegen. Eine ewige Gradwanderung zwischen laisser-faire und deutscher Ordnung und Strenge ist, glaube ich, die beste Beschreibung fuer unseren Fuehrungsstil. Wir sind uns bis heute noch nicht sicher welchen Kurs man bei der Leitung einer solchen Einrichtung fahren soll. Sicherlich ist eine gewisse Strenge wichtig und bestimmte Reglen sind ganz einfach sinnvoll um ein totales Chaos zu verhindern. Auf der anderen Seite aber will man, dass die Kinder sich wenigstens fuer einige Stunden enfalten und ein wenig austoben koennen. Zumal es sich um Kinder handelt, die anssonsten oftmals aufgrund ihres Schicksals nicht viel haben worueber sie sich freuen koennen. Von ihnen wird nicht selten verlangt, dass sie mit ihren Arbeiten als Tuetenverkaeufer oder Busputzer etwas zum Familienunterhalt beisteuern. Die Maedchen werden schon frueh in die Hausarbeit eingespannt und bekommen extrem grosse Veranwortungen aufgehalst. Wie z.B. die kleine Hilda, die mit ihren 5 Jahren schon auf ihren juengeren Bruder aufpassen sollte. Die Kinder hier muessen aufgrund der an sie gestellten Forderungen verdammt schnell erwachsen werden. Wir haben versucht mit unserer Arbeit im Comedor ihnen nicht nur ihre leeren Maegen zu fuellen, sondern ihnen auch die eine oder andere schoene Stunde in unserer Gesellschaft zu schenken. Und ich denke, dass dies ziemlich gute geklappt hat. Es faellt mir trotzdem ungeheuer schwer ein Resume ueber meine geleistete Arbeit im Comedor zu ziehen, da sie durch meine fehlende paedagogische Ausbildung nicht professionell war, und ich de facto auch nur ein halbes Jahr dort gearbeitet habe. Auf der anderen Seite waren kleine Lernerfolge bei den Kindern wahrnehmbar, die uns immer wieder motiviert haben weiterzumachen. Oder manchmal war es schon das ruecksichtsvollere Verhalten der Kinder untereinander, die uns zeigten, dass unsere Arbeit doch nicht umsonst war. Armut und Unterentwicklung haben fuer mich Namen bekommen. Ich habe mit ihr monatelang gelebt und mehr oder weniger gegen sie gearbeitet. Sie heissen Angel, Jimi oder Alicia; sind Tuetenverkaeufer auf dem Markt, minderbemittelte Schlaegertypen oder pubertierende Maedchen, die schon mit 13 Jahren die Verantwortungen der verstorbenen Mutter uebernehmen muessen. Trotzdem ist es so, dass ich nur fuer eine bestimmte Zeit neben den Bolivianern gelebt habe. Ich arbeitete mit ihnen und fuer sie. Aber nie habe ich mit ihnen gelebt. Diese unglaubliche Distanz zwischen unserer Welt, in der wir rundum abgesichert und versorgt sind, und iherer Welt, in der es teilweise nur ums nackte Ueberleben geht, habe ich gelernt zu sehen. Nie aber habe ich sie begreifen koennen. Und ob ich etwas dazu beigetragen habe, dass die beiden Welten sich ein wenig naeher kommen, kann ich nicht beurteilen. Die Arbeit im Comedor hat mir erlaubt, Einblicke in einige Fragen der Entwicklungshilfe zu erlangen. Was genau bedeutet zuviel helfen und was zu wenig? Welche Form der Hilfe zur Selbsthilfe ist die Effektivste? Wo sollte man Schwerpunkte setzen? Was fuer eine Rolle spielt die Religion und die Kirche in den Entwicklungslaendern? Bringt auslaendische Hilfe ueberhaupt was? Waere es nicht sowieso besser, wenn…? Am Ende meiner Zeit Bolivien stehen mehr Fragen als Antworten. Soviel kann ich jedoch sagen: Entwicklungshilfe sollte wohl durchdacht und organisiert sein. Nur unterstuetzend, wegweisend und nicht aufdraengend ist sie effizient, zukunftsorientiert und tatsaechlich hilfreich. Ich habe das Gefuehl, dass mir die Arbeit in Bolivien viel gegeben hat. Ich konnte eine neue Sprache lernen, eine andere Kultur erleben, andere Blickwinkel einnehmen, und vor allem konnte ich mich und mein Leben in Deutschland mit einem angenehmen Abstand betrachten und besser kennenlernen. Ich habe vereinzelt eine Art Rassismus von den Menschen hier erfahren, die mich, meine Herkunft und mein Schicksal zugleich beneideten und verachteten. Wir wurden oft dafuer beneidet, dass wir den Luxus haben, dermassen abgesichert zu sein, dass wir es uns leisten koennen umsonst im Ausland zu arbeiten. Ein Rassismus, der uns von “unten” bewunderte. Weil wir nicht nur reich sind, sondern auch noch so frei sind unsere Zeit Hilfsbeduerftigen zu widmen, begegnete uns der eine oder die andere mit Unverstaendnis, Hass oder Verachtung. Unser Handeln und Dasein ist fuer viele Menschen nicht nachvollziehbar, die mit umgerechnet 100us$ und weniger im Monat ganze Familien durchfuettern muessen Reichtum und materieller Wohlstand ist fuer viele so weit weg, dass sie nicht mal die Moeglichkeiten haben, unsere Motive zu verstehen. Schliesslich bedeutet Reichtum fuer die die meissten hier erstmal sich von dem Elend abzusetzen und die Familie zu versorgen. Dann kommen wir und werfen ihr Weltbild der “abgesetzten Reichen da drueben” ueber den Haufen, und sie fuehlten sich noch schlechter, missverstandener und miserabler. Nicht zuletzt auch dadurch, dass wir ihnen einen Lebensstil vorlebten, der uns erlaubte durch die Welt zu reisen und Arbeiten anzunehmen, weil sie uns Spass machten und nicht weil wir das Geld bitter noetig hatten. Einen solchen Lebensstil wird wohl kaum einer der Bewohner des Stadtrandviertels von Villa Armonia jemals erreichen. Bei solchen Gedanken wird mir klar, dass mich nicht nur meine Helferambitionen, sondern auch mein egoistischer Erlebnisdrang nach Bolivien gerufen hatten. Auf der anderen Seite aber wurde mir von dem sonst so ausgebeuteten und alleingelassenen bolivianischen Volk fuer meine Arbeit mit den Kindern eine grosse Dankbarkeit entgegengebracht, die mir wieder und wieder zeigte, dass unsere investierten Energien nicht umsonst waren. Gerade durch die Gespraeche und naechtelangen Diskussionen mit meinen Zivipartnern im Projekt habe ich erkannt, dass Entwicklungshilfe im eigenen Kopf beginnt. Es kommt auf die eigene Einstellung gegenueber dem Leben an, und in welche Beziehung man sich selber dann mit den Ungerechtigkeiten der Welt stellt. Abschliessen werde ich mit meinem Bolivienaufenthalt wohl nicht so schnell. Diskussionen erwarten mich, da bin ich mir ganz sicher, in der Familie und im Freundeskreis. Und schliesslich wollen auch all diese gesehenen Gesichter und erfahrenen Gefuehle mit einem gewissen Abstand in Deutschland verarbeitet werden.

Wir hinterlassen ganz bestimmt Spuren und positive Eindruecke bei Kindern, die ein schweres Schicksal erwischt haben. Zu der Sinn- oder Unsinnfrage deutscher Hilfe in Bolivien pflegte unsere Chefin zu sagen: “Es kann ja nicht verkehrt sein.

Sucre, August 2000