CEMVA

Centro Educativo Multifuncional Villa Armonía
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Erfahrungsbericht von Milena Ullrich

Im August habe ich 3 Wochen lang im „Comedor“, dem Mittagstisch für 90 Kinder und Jugendliche geholfen. Dort gibt es nur eine einzige Erzieherin, die alle Kinder beaufsichtigen soll. Dies ist so gut wie unmöglich, da die Kinder an 3 verschiedenen Orten essen, Zähne putzen, Hände waschen, abspülen nach dem Essen- und dies oft parallel. Daher haben ich und die anderen Freiwilligen sie bei der Betreuung unterstützt. Die Kinder waren sehr interessiert an uns und von Anfang an hatte ich eigentlich immer ein kleines Mädchen im Arm, die mir Geschichten erzählte und alles Mögliche über mich und mein Leben in Deutschland wissen wollte. Diese Offenheit und die Art der Kinder, ohne Berührungsängste mit einem zu spielen und zu schmusen, habe ich sehr genossen und es hat mir geholfen, genau wie sie, einfach auf Spanisch los zu plappern und dadurch meine Ängste, etwas Falsches auf Spanisch zu sagen, abzubauen. Natürlich gab es auch einige frechen Lausebengel, egal ob Mädels oder Jungs, die erstmal versucht haben, die Grenzen auszutesten bei den neuen „Volontarias“- Schaffe ich es meinen Teller im Spülwasser untertauchen zu lassen und dann mit Unschuldsmiene zu sagen, ich hätte schon alles gespült und weg geräumt? Kann ich bei Milena dreimal Zahnpasta nach holen, ohne dass sie es merkt? Solche „Probleme“ waren aber leicht zu meistern- viel schwieriger war die Frage, wie wir den Comedor so umstrukturieren können, dass Judith, die engagierte Leiterin, perspektivisch auch ohne uns Freiwillige zurecht kommt. Schließlich kann sie sich auf Dauer nicht immer darauf verlassen, dass Freiwillige ihr helfen. Also haben wir neue Regeln eingeführt. Zum Beispiel dürfen die Kinder nun nur noch durch einen bestimmten Eingang hinein und hinaus und vor allem sollen die größeren, die teilweise schon 19 Jahre alt sind, nun mehr Verantwortung übernehmen. Das heißt, an jedem Tisch sitzt ein Älterer, der dafür sorgt, dass alle Kinder aufessen, ihre Teller spülen und das Essen nicht als Spielzeug benutzen. Außerdem sollen nun im wöchentlichen Rhythmus, immer zwei Große beim Spülen und Zähneputzen schauen, so dass nicht alles drunter und drüber geht. Ich hoffe, dass sich diese Regeln bewähren und Judith dadurch eine Hilfe hat, die nicht ständig wechselt. Dennoch glaube ich, dass es für Freiwillige beim Comedor immer genug zu tun geben wird. Die 90 Kinder sind einfach so ein bunter und lauter Haufen, die sich über jeden Freiwilligen als Ansprechpartner und Freund freuen. Um den Kindern mit bunten Männchen Hygieneregeln beizubringen, haben wir ein Plakat entworfen. Wir haben außerdem ein deutsches Kinderlied ins Spanische übersetzt und eingeübt. Der Plan war, mit den Kindern im Comedor zusammen zu singen und ich hoffe, dass diese Idee, von den jetzigen Freiwilligen weiter geführt wird. Leider war mein Aufenthalt im Projekt eindeutig zu kurz, um solche Dinge zu verfolgen und ich würde jedem raten, länger zu bleiben. Als Anregung fände ich es schön, wenn im Comedor über das Essen hinaus mehr solcher gemeinschaftlichen Aktivitäten stattfinden könnten. Dazu benötigt es aber natürlich Ideen und der längerfristigen Hilfe von Freiwilligen.

Mein zweiter Aufgabenbereich lag in der Durchführung eines Computerkurses für 11- 40 jährige zusammen mit meiner Freundin Sophie. Das Niveau der 9 Schüler war sehr unterschiedlich. Manche wussten noch nicht einmal, wie man einen Computer einschaltet, andere kannten schon einige Anwendungen. Wir beschränkten uns auf Word. Jule, eine andere Freiwillige, beendete den Kurs nun mit Excel. Mir fiel auf, dass die Schüler selbstständiges Arbeiten überhaupt nicht gewöhnt waren. Bei unserem ersten Arbeitsplan, den wir für jeden kopiert hatten und der genaue Arbeitsanweisungen enthielt, waren sie völlig überfordert mit diesem eigenständigen Arbeiten. Auch kreative Aufgaben, in denen sie zum Beispiel einen kleinen Text über sich selbst am Computer schreiben sollten und diesen dann gestalten, brauchten am Anfang mehrere Stunden. Es hat mich gefreut, dass diese Aufgaben allmählich immer besser gelöst werden konnten. Auf der anderen Seite zeigt es meiner Meinung nach, dass Kreativität, die Eigenschaft sich selbst durch zu beißen und eigenständig zu lernen, in der Schule nicht genug gefördert werden. Das finde ich sehr schade, da Lernen, das nur auf Abschreiben und auswendig lernen basiert, die eigene Meinungsbildung nicht unterstützt - Viele intelligente Schüler bleiben dadurch unterfordert. Uns fiel auch auf, dass das wunderschöne Spielzeug der Projektwerkstatt keine Käufer findet. Daraufhin haben wir es fotografiert. Wir möchten nun über einen Freund von Maike einen Prospekt daraus machen lassen, um diesen an 3 Weltläden zu schicken. Ich hoffe, dass dies gelingt und diese tollen Produkte in Zukunft nicht in den Regalen der Werkstatt bleiben. Das gleiche gilt für die Bäckerei, deren Brötchen jetzt von den Freiwilligen auf dem Markt verkauft werden, da sich in Villa Armonia einfach nicht genug Kunden finden.

Insgesamt habe ich die Zeit im Projekt sehr genossen und fand es schön, wie herzlich wir aufgenommen wurden von den Kindern, die einem sofort ans Herz wachsen, aber auch von den Mitarbeitern, zum Beispiel von Antonia, der Sekretärin des Projekts, oder von Judith, der Leiterin des Comedors. Auch wenn ich nur einen kleinen Einblick während dieser 3 Wochen bekommen habe, habe ich Erfahrungen gemacht, die man als bloßer Tourist niemals machen kann und die genauso zu Bolivien gehören, wie die Salzwüste oder die Isla del Sol. Allerdings würde ich jedem empfehlen mehr Zeit im Projekt zu verbringen, damit man seine Ideen richtig umsetzen kann und eine längerfristige Hilfe bietet. Denn das hat das Projekt verdient, weil es den Kindern Möglichkeiten gibt, die über eine bloße Soforthilfe hinaus gehen- es bietet ihnen die Chance, in dieser Umgebung eine Ausbildung zu erhalten, durch die sie später hoffentlich auf eigenen Füßen stehen können.

Milena Ullrich milenaullrich@gmx.de